Britisches Understatement für Vinylfreunde mit Ohren.
Es gibt HiFi-Produkte, die schon beim Auspacken beeindrucken wollen. Dicke Aluminiumfronten, Displays, schwere Gehäuse und möglichst viel sichtbarer Aufwand. Und dann gibt es Graham Slee.
Der britische Elektronikspezialist geht seit vielen Jahren einen bemerkenswert konsequenten Weg. Im Mittelpunkt stehen ausschließlich Phono-Vorverstärker und Kopfhörerverstärker, entwickelt mit enormer Erfahrung in der analogen Audiotechnik. Statt die Fertigung an irgendeinen anonymen Produzenten in Fernost auszulagern, werden die Geräte nach wie vor in Großbritannien entwickelt und von Hand gefertigt. Echtes Made in Britain also, und das in Preisregionen, in denen eine solche Fertigung heute alles andere als selbstverständlich ist.
Ein Gram Amp 2 Communicator ist vielleicht das schönste Beispiel für diese Philosophie. Mit einer UVP von „nur“ € 209,00 ist er der Einstieg in die Welt von Graham Slee. Und schon beim ersten Blick wird klar, wohin das Geld geflossen ist: nicht in Show, sondern in die Elektronik.

Klein, unscheinbar und erstaunlich erwachsen
Graham Slee´s Communicator ist ein reinrassiger MM-Phono-Vorverstärker. Er eignet sich damit für klassische Moving-Magnet-Tonabnehmer und entsprechend kräftige High-Output-Systeme. Der Eingang ist mit den üblichen 47 kOhm abgeschlossen, die Eingangskapazität beträgt 220 pF. Die RIAA-Entzerrung arbeitet mit einer maximalen Abweichung von lediglich 0,5 dB. Der Hersteller gibt einen Geräuschspannungsabstand von rund 77 dB und Verzerrungen von weniger als 0,03 Prozent an.
Besonders interessant ist die 24-Volt-Spannungsversorgung. Sie verschafft der kleinen Schaltung reichlich Headroom und trägt dazu bei, dass auch kräftig geschnittene Schallplatten sauber und unverzerrt verarbeitet werden können. Genau hier merkt man, dass Graham Slee nicht einfach versucht hat, einen möglichst billigen Phono-Vorverstärker zu bauen. Der Communicator ist vielmehr ein ernsthaft konstruierter Phono-Pre, bei dem konsequent dort gespart wurde, wo es klanglich am wenigsten wehtut.
Das Gehäuse ist klein. Die Ausstattung ist überschaubar. Es gibt keine Schalterorgie und keine hundert Einstellmöglichkeiten. Cinch rein, Cinch raus, Masse anschließen, Strom dran und Musik hören.
Mehr braucht es nicht!
Und wie klingt er?
Erstaunlich gut. Und vor allem erstaunlich musikalisch.
Das eigentlich Faszinierende am Gram Amp 2 Communicator ist nämlich nicht irgendeine spektakuläre HiFi-Eigenschaft. Er versucht nicht, mit künstlich aufgeblähtem Bass oder besonders herausgearbeiteten Höhen Aufmerksamkeit zu erregen.
Stattdessen besitzt er etwas, das uns viel wichtiger erscheint: Er kann Musik fließen lassen.
Rhythmus und Timing stimmen. Stimmen stehen selbstverständlich im Raum, Instrumente besitzen glaubwürdige Klangfarben und eine Platte entwickelt sehr schnell diesen wunderbaren Sog, bei dem man nach dem ersten Titel eben nicht aufsteht, sondern die Seite zu Ende hört.
Gerade Stimmen gefallen uns ausgesprochen gut. Sie wirken körperhaft, angenehm natürlich und emotional greifbar. Gitarren haben Struktur, Klavier besitzt Anschlag und Farbe, Becken werden nicht zu einem undefinierten Zischen und ein Kontrabass bleibt als Instrument erkennbar, anstatt lediglich tief zu brummen.
Auch die räumliche Darstellung überrascht. Der kleine Graham Slee löst das musikalische Geschehen sauber von den Lautsprechern und sortiert einzelne Instrumente erstaunlich souverän. Dabei zerlegt er Musik aber nicht unter dem akustischen Mikroskop. Analyse und Musikalität bleiben wunderbar miteinander verbunden.
Dass diese Qualitäten keine neue Entdeckung sind, zeigt übrigens die lange Historie des Modells. Schon frühe Tests lobten Timing, Klangfarben und Detailauflösung, und auch viele Jahre später bescheinigte What Hi-Fi? dem Communicator eine ausgesprochen detailreiche, dynamische und rhythmisch präzise Wiedergabe.
Muss guter Analogklang wirklich teuer sein?
Natürlich können größere Phono-Vorstufen noch mehr.
Mehr Fundament. Mehr Raum. Mehr Ruhe. Mehr Feindynamik. Und selbstverständlich gibt es Phono-Vorverstärker, die einen guten Tonabnehmer noch wesentlich weiter ausreizen können.
Aber genau darum geht es beim Communicator eigentlich nicht.
Denn nicht jeder Vinylfreund möchte aus seinem Plattenspieler ein wissenschaftliches Forschungsprojekt machen. Nicht jeder möchte vierstellige Beträge für eine Phonostufe ausgeben. Und auch ein erfahrener Musikliebhaber kann irgendwann zu dem Schluss kommen: Ich möchte einfach gut Platten hören.
Für genau diese Menschen finden wir den Gram Amp 2 Communicator großartig.
Er eignet sich hervorragend für Einsteiger, die mit einem guten MM-Tonabnehmer beginnen. Für preisbewusste Vinylfreunde, die möglichst viel Klang für ihr Geld suchen. Aber genauso für erfahrene Musikliebhaber, die längst wissen, was im High End alles möglich ist, es aber bewusst nicht immer auf die Spitze treiben wollen.
Denn guter Klang muss nicht zwangsläufig bedeuten, ständig dem nächsten halben Prozent hinterherzulaufen.
Manchmal möchte man eine Platte auflegen, sich zurücklehnen und nach wenigen Takten vergessen, was die Elektronik gekostet hat.
Und genau das kann dieser kleine Brite verdammt gut.

€ 209,00 die an der richtigen Stelle investiert sind
Vielleicht liegt darin der besondere Charme des Graham Slee.
Für UVP € 209,00 bekommt man keinen Blender und kein Gerät, das versucht, mit möglichst viel Materialeinsatz größer zu erscheinen, als es eigentlich ist. Stattdessen bekommt man eine ehrliche, spezialisierte Phonostufe aus europäischer Fertigung, entwickelt von Menschen, die sich seit Jahrzehnten intensiv mit der Verstärkung kleinster Analogsignale beschäftigen.
In einer Preisklasse, die inzwischen von zahllosen industriell produzierten Elektronikboxen aus Fernost bevölkert wird, ist das beinahe schon eine kleine Besonderheit.
Und wir geben zu: Uns ist ein unscheinbarer Graham Slee aus britischer Fertigung deutlich sympathischer als der nächste vermeintliche Wunderkasten aus chinesischer Großserie.
Nicht aus Nostalgie. Sondern weil das Konzept aufgeht.
Technische Daten
Typ: MM-Phono-Vorverstärker
Eingangsempfindlichkeit: 2–8 mV / 1 kHz
Eingangsimpedanz: 47 kOhm / 220 pF
Ausgangsspannung: 250 mV bei 3 mV Eingang
Geräuschspannungsabstand: 77 dB
Verzerrungen: < 0,03 %
Frequenzgang: 10 Hz – 150 kHz
Entzerrung: RIAA / IEC, max. 0,5 dB Abweichung
Stromversorgung: 24 V DC
Abmessungen: ca. 11,5 × 4,5 × 8,5 cm
Fertigung: Made in Britain
UVP: € 209,00 Euro
Unser Fazit
Der Graham Slee Gram Amp 2 Communicator erinnert uns daran, worum es bei HiFi eigentlich gehen sollte.
Um Musik.
Für € 209,00 spielt dieser kleine Phono-Vorverstärker frisch, rhythmisch, farbig, räumlich und vor allem wunderbar emotional. Er macht aus einer guten Platte kein technisches Demonstrationsobjekt, sondern einen Abend, an dem aus „ich höre nur mal kurz rein“ plötzlich drei vollständig gehörte LP-Seiten werden.
Dazu kommen die Spezialisierung auf Analogtechnik, die lange Erfahrung des Herstellers und eine bis heute konsequent britische Fertigung.
Ein kleines Gerät ohne Allüren, aber mit erstaunlich viel Seele.
Für Vinyl-Einsteiger eine dicke Empfehlung. Für preisbewusste Analogfreunde beinahe ein Pflichttermin. Und für all jene, die längst wissen, dass man hervorragende Musikwiedergabe genießen kann, ohne jedes Thema bis zur letzten High-End-Eskalationsstufe auszureizen, vielleicht sogar ein kleiner Geheimtipp.
Mehr Phono braucht man manchmal einfach nicht.
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